In Schubladen denken….

Wenn ich an das Denkarium bei Harry Potter denke, wünschte ich, ich hätte eins. Wie oft denke ich darüber nach, mir Erinnerungen, Erlebnisse oder Gedanken und Ideen, kaugummiartig aus den Hirnwindungen ziehen zu können und sie bei Bedarf zu reaktivieren.

Ich könnte meine ersten Schritte erleben, die erste Liebe aufgewärmt verspüren, meine Kinder zum ersten Mal sehen, immer mal wieder und wieder und wieder. Alle Erlebnisse, egal wie jung oder alt, sind gespeichert, ein Leben lang und noch danach. Wie eine Filmbibliothek der Emotionen. Denn was ich nicht mehr erzählen kann, aus welchen Gründen auch, wird weitergehen, ein sprechendes Buch der Bilder.

Mein Denkarium wäre ein Schrank mit tausend Schubladen, beschriftet natürlich, selbst in meiner Phantasiewelt muss irgendeine Ordnung herrschen. Es wird in Genres eingeteilt, sortiert nach Wichtigkeit. Plötzlich wär mein Kopf frei, viel leichter, denn den Ballast des Alltags packe ich in einen extra Schrank oder in zwei oder drei. Den mit den schlechten Erinnerungen verbanne ich in die letzte Ecke und der Termin- und Pflichtschrank hat einen Selbstständigkeitsbutton und bahnt sich einen Tag vorher seinen Weg zurück ins Hirn.

Ein Geschichtenschrank wäre auch dabei, für meine und deine und auch deine. Du kannst vorbeikommen, dann finden wir sie wieder und wieder und wieder….

© Sunny Möller

Emma´s Welt und die Liebe

(c) natasha_chatkova

Emma: „In der Liebe kannst du nicht schummeln!“

Ich: „Aber du kannst doch so tun, als ob du jemanden liebst!“

Emma: „Warum sollte man das tun?“

Ich: „Keine Ahnung, aber auch in der Liebe gibt es Lug und Trug.“

Emma: „Ich habe das nur einmal gemacht!“

Ich: „Echt? Wann?“

Emma: „Als ich letzte Woche bei Oma gegessen habe. Es gab Rosenkohl. Ich hasse Rosenkohl. Aber ich habe ihn gegessen, weil ich sie lieb habe. Dann hab ich auf ihren neuen Teppich gekotzt. Das fand sie schlimmer, als ihren Rosenkohl doof finden.

Ich: „Also ist Schummeln in der Liebe zum Kotzen?“

Emma: „So ungefähr!“

© Sunny Möller

Der Einkaufswagen atmet…

Ich bin ein absoluter Verfechter der offenen, netten und respektvollen Umgangsformen. Leider knallt mir mit jedem weiteren Lebensjahr eine immer stärker werdende Verwahrlosung dieser entgegen. Komischerweise passiert mir das aber immer nur in Deutschland. Liegt es am Wetter, an Angela Merkel oder sind am Ende doch wieder die Flüchtlinge schuld? ich sehe mich in nächster Zeit wohl oder übel dazu gezwungen, eine Schlägerei mit meinen sozial inkompetenten Mitmenschen anzufangen. Ich könnte mir auch vorstellen, mich im Vokabular zu vergreifen. Man wird sehen.

Beispiel:

Einkauf in einem hiesigen Supermarkt. Ich stehe mit meinem Wagen in einem der Gänge und informiere mich über diverse Inhaltsstoffe vermeintlicher Bioprodukte. Hinter meinem Rücken kommt etwas angefahren. Es atmet hörbar, ich beschließe mich und meinen Wagen weiter auszudehnen. Bewusst? Natürlich. Es bleibt an meiner Sozialkompetenzerkennerbarriere hängen. Es atmet eine Nuance genervter, leidlich ruhig. Es sagt jedoch nichts. Ich packe ein Paket Sojaflocken in den Wagen und begebe mich in Weiterschiebeposition. Die Atmung mutet Erleicherung an. Ich unterbreche meinen Schiebevorgang, entferne die Flocken und stöbere unentschlossen weiter. Jetzt atmet es aggressiv, ich höre ein leichtes Zischen: „Was für eine Frechheit!“ Ich drehe mich zum Organ der gestörten Atmung um. Wie erwartet blickt mich etwas Unzufriedendes, Gegrämtes, Ungevögeltes, seit Jahren nicht Geliebtes und Geküsstes an. Es begibt sich dennoch hin und wieder in die Außenwelt, um den Anderen zu zeigen, wie frustriert man sein kann. Ich schaue lächelnd, freundlich. „Warum fragen Sie denn nicht einfach, ob ich meinen Wagen kurz beiseite schiebe? Ich lasse Sie doch sehr gerne vorbei!“ Es guckt verständnislos, zum Abschießen wahlloser Beleidigungen bereit. „Sie spinnen ja wohl!!! Wenn Sie zu doof sind, zu sehen, dass ich vorbei will, dann soll ich noch fragen? Was für eine Frechheit!!!“ Ich zücke mein imaginäres Messer. „Ich dachte, Sie wollten sich vorbei atmen!“

Es ist mir in die Hacken gefahren. Es hat nicht mehr geatmet….

© Sunny Möller