Der Einkaufswagen atmet…

Ich bin ein absoluter Verfechter der offenen, netten und respektvollen Umgangsformen. Leider knallt mir mit jedem weiteren Lebensjahr eine immer stärker werdende Verwahrlosung dieser entgegen. Komischerweise passiert mir das aber immer nur in Deutschland. Liegt es am Wetter, an Angela Merkel oder sind am Ende doch wieder die Flüchtlinge schuld? ich sehe mich in nächster Zeit wohl oder übel dazu gezwungen, eine Schlägerei mit meinen sozial inkompetenten Mitmenschen anzufangen. Ich könnte mir auch vorstellen, mich im Vokabular zu vergreifen. Man wird sehen.

Beispiel:

Einkauf in einem hiesigen Supermarkt. Ich stehe mit meinem Wagen in einem der Gänge und informiere mich über diverse Inhaltsstoffe vermeintlicher Bioprodukte. Hinter meinem Rücken kommt etwas angefahren. Es atmet hörbar, ich beschließe mich und meinen Wagen weiter auszudehnen. Bewusst? Natürlich. Es bleibt an meiner Sozialkompetenzerkennerbarriere hängen. Es atmet eine Nuance genervter, leidlich ruhig. Es sagt jedoch nichts. Ich packe ein Paket Sojaflocken in den Wagen und begebe mich in Weiterschiebeposition. Die Atmung mutet Erleicherung an. Ich unterbreche meinen Schiebevorgang, entferne die Flocken und stöbere unentschlossen weiter. Jetzt atmet es aggressiv, ich höre ein leichtes Zischen: „Was für eine Frechheit!“ Ich drehe mich zum Organ der gestörten Atmung um. Wie erwartet blickt mich etwas Unzufriedendes, Gegrämtes, Ungevögeltes, seit Jahren nicht Geliebtes und Geküsstes an. Es begibt sich dennoch hin und wieder in die Außenwelt, um den Anderen zu zeigen, wie frustriert man sein kann. Ich schaue lächelnd, freundlich. „Warum fragen Sie denn nicht einfach, ob ich meinen Wagen kurz beiseite schiebe? Ich lasse Sie doch sehr gerne vorbei!“ Es guckt verständnislos, zum Abschießen wahlloser Beleidigungen bereit. „Sie spinnen ja wohl!!! Wenn Sie zu doof sind, zu sehen, dass ich vorbei will, dann soll ich noch fragen? Was für eine Frechheit!!!“ Ich zücke mein imaginäres Messer. „Ich dachte, Sie wollten sich vorbei atmen!“

Es ist mir in die Hacken gefahren. Es hat nicht mehr geatmet….

© Sunny Möller

9 Gedanken zu “Der Einkaufswagen atmet…

  1. Plietsche Jung schreibt:

    Nun, die Frage ist, wer hat die Ellenbogen in unserer Gesellschaft ausgepackt?
    Warum denkt jeder,er kann machen, was er will ?
    Warum zerbrechen Regeln des Zusammenlebens ?

    Warum gibt man sich weniger Mühe, weniger Gelassenheit, weniger Akzeptanz?

    Ich erlebe dies auch vorwiegend in Deutschland, wobei der Eindruck durchaus täuschen kann. Die Erklärungen sind sicherlich umfangreich und diskussionswürdig.

    Aber was macht man mit einem Idioten, der einem in die Hacken fährt ?

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  2. gripseljagd schreibt:

    „Wenn Sie zu doof sind, zu sehen, dass ich vorbei will, dann soll ich noch fragen? “ ein nicht ganz unberechtigter Einwand. Aber Diebstahlschutz Etiketten unter den Fuß kleben entspannt wieder.

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  3. sunnymoeller schreibt:

    Meine Einstufung von doof und die Unfähigkeit zur Kommunikation, egal wie dumm sie Ihnen erscheint, ist sinnbildlich für unsere Gesellschaft. Vielleicht bin ich taub, bemerke den anfahrenden Einkäufer nicht, bin in Gedanken, oder, oder. ist das doof? Au weia!

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