Nichts

Nichts
Die Waschmaschine läuft, letzter Schleudergang, unter meinen Füßen vibriert es leicht. Der Ton ist laut. Der Tisch ist voll. Rechnungen, Anfragen, Schulanmeldung, ein angebissenes Brot, neben mir ein Klumpen Knete, der mal eine Giraffe war, welche Termine habe ich morgen, ist noch Milch fürs Frühstück da, wann geht der Zug am Donnerstag, Geburtstage notiert und doch vergessen, woher kommt der blaue Fleck am Unterarm, habe ich genug getrunken, was ist mit den Ferien, wird das Wetter doch noch besser, mach ich Ende Mai die Heizung an, warum grüßt die Frau von nebenan nicht mehr, ist der Wecker schon gestellt, Kinderbücher, Legosteine, Schuhe, Schnitzeljagd aus Unterhosen, Müll, der aus der Tonne lugt……

Meine Tochter sitzt im Flur, guckt ins Leere, lächelt stumm. „Was denkst du gerade?“, frage ich. „An Nichts!“, sagt sie. „Und was machst du gerade?“, will ich wissen.

„Nichts!“

Was beneide ich sie um dieses „Nichts“ !

© Sunny Möller

Hochbegabung

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Es gibt da diese Mütter. Spezielle Mütter! Die wissen direkt nach der Geburt ihrer Kinder:

„Schau dir nur die hohe Stirn an, das Kind ist hochbegabt!“

Kleine Details, wie Geburt durch Saugglocke, werden gekonnt weggelassen. Diese Art der Austreibung macht selbst aus Stirnlosen, einen Denkerkopf. Aber bitte.

Sie betrachten in Glücksseeligkeit ihre kleinen Scheißer und erkennen in jeder noch so kleinen Kleinigkeit, eine Besonderheit, die ihr Kind von anderen abhebt.

Seit ich selbst Mutter bin, habe ich meine Soaps wie „Sex and the City“, gegen „Verzogene Bälger auf Spielplätzen“, eingetauscht. Dort saß ich auf einer Bank, meine Normalokinder spielten im Sand und ich lauschte dem Treiben der Elitemütter.

„Gesine, hast du gesehen wie Johannes Baptiste seine Schaufel hält? Er ist motorisch so weit vorne, unglaublich!“

Gesine guckte etwas verstört.

„Aber er hat dem Kalle die Schaufel ganz schön heftig über den Kopf gezogen!“

Starmami Heidrun war nicht zu verunsichern.

„Aber hast du den Winkel gesehen, Gesine? Das war nicht einfach so bum bum! Das hatte was Episches!“

Gesine schwieg.

Genug Zeit, um weiter zu prahlen.

„Und wie er schon sprechen kann! Wir erziehen ihn ja fünfsprachig. Mandarin mag er am liebsten! Johannes Babtiste, sag zu der Mami doch mal was Chinesisches!!!“

JB dachte angestrengt nach….

„King Kong kakka scheiße!!!“

Die Hochbegabtenmutter war entzückt.

„Hast du das gehört Gesine, hast du das gehört???“

Gesine hatte eine Frage.

„Er verwendet ganz schön viel Fäkal Jargon! Woher hat er das?“

Empörter Blick von Heidrun.

„Ganz ehrlich Gesine? Man könnte fast glauben, du bist ein bisschen eifersüchtig. Das sprachliche Abgleiten in das Stuhl und Urinal Vokabular zeigt deutlich seine beginnende Bereitschaft, trocken zu werden. Und das fünfsprachig, meine Liebe! Ich hingegen, habe deinen Julius überhaupt noch nicht sprechen hören!“

„Julius ist 6 Monate!“

„Da war mein Johannes Baptiste aber schon wesentlich weiter! Sag kakka scheiße auf französisch, Liebling!!!“

JB war gerade damit beschäftigt, einem dreijährigen Mädchen Kaugummi in die Haare zu kleben und Regenwürmer daran zu befestigen. Heidrun sprang schreiend auf.

„Und jetzt macht er auch noch Kunst! Johannes Babtiste, die Mami ist ja so stolz auf dich!!!“

Meine kleine Tochter unterbrach Heidrun mit so lauten Pupsen, dass ich empörte Blicke erntete. Ich zuckte mit den Schultern, lächelte sie freundlich an und schaute auf die Uhr.

„Das war Beethovens „Mondscheinsonate“! Das macht sie immer, wenn sie müde wird. Wir müssen los.“

So ist das mit der Hochbegabung……

(c) Sunny Möller

Muttertag

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Wer erinnert sich nicht an seine Grundschulzeit, als man zum Ehrentag der Frau Mama ein allgemeingültiges Huldigungsgedicht auf ein Zeichenblockblatt schrieb und es anschließend noch mit Tulpen und Herzchen verzierte.

Meine liebe Mutter du,

ich will dir Blumen schenken.

Was ich dir sagen will dazu,

das kannst du dir schon denken.
Ich wünsch dir Glück und Fröhlichkeit,

die Sonne soll dir lachen!

So gut ich kann und allezeit,

will ich dir Freude machen.
Denn Muttertage, das ist wahr,

die sind an allen Tagen.

Ich habe dich lieb das ganze Jahr,

das wollte ich dir sagen.

So erwartete ich auch in diesem Jahr wieder ein illustres Werk meines Sohnes, was ich mit 26 anderen Müttern teilen würde. Doch dieses Mal wurde ich überrascht. Ich bekam ein selbstgebundenes Heft meines Kindes. Wundervoll verpackt, in pastellfarbenem, frühlingshaftem Papier. Ich bemerkte, wie Freudentränen in mir aufstiegen. Ein ganzes Buch! Vielleicht eine Geschichte! Nur für mich! Mit Liebe geschrieben! Worte voller Dankbarkeit! Ich wusste doch, wie sehr er schreiben hasste. Das waren mindestens 20 Seiten! Wie schön es doch war, Mutter zu sein.

Ich wollte mein Kind gerade an mein, vor Stolz überquellendes Herz pressen, da räusperte sich mein Sohn.

Oh mein Gott, auch noch ein Gedicht?

„Du Mami?“

„Ja, mein Liebling?“

Nicht weinen, Sunny, nicht weinen! Das stört seine Konzentration!

„Es ist nicht das, was du erwartest!“

Mein bescheidener Junge. Alles richtig gemacht…..hach

„Ich weiß Luke, die Mami ist so stolz auf dich! Fang nur an Mäuschen, ich bin ganz bei dir!“

„Also, das Buch ist von der ganzen Klasse!“

Was? Okay, ich wusste, ich war ganz beliebt bei seinen Mitschülern. Ich war nicht diese typische Twinset-Mami, die mit anderen Müttern Tortenrezepte auf dem Schulhof austauschte. Ich war eher die Chucks tragende, Gangnam-Style Mom! Aber deswegen gleich Glückwünsche von der ganzen Klasse? Ich war überwältigt!

„Es ist ein Rätselbuch!“

Ich war überfordert!

„Wie Rätsel?“

„Na ja, wir sollten unsere Mütter beschreiben! Ohne Namen zu nennen. Jetzt musst du herausfinden, welche Beschreibung auf dich zutrifft.“

„Oh, das ist ja toll!“

Toll?

Ich schlug die erste Seite auf.

„Meine Mutter schreit mich immer an, deshalb brauche ich viel Ruhe. Dann ist sie sehr nett und kauft mir neue WII-Spiele. Sie ist ein bisschen pummelig, aber das ist in Ordnung!“

Ich will sofort ein Dummbatzidoofgedicht!!!! Sofort! Nächste Seite….

„Ich habe meine Mutter nur selten glücklich gesehen. Sie streitet sich sehr oft mit Papa.
Welche Mutter ist es?“

Ich musste schlucken. Welche Mutter möchte sich da erkennen? Ich las weiter.

„Meine Mutter hat schwarze Haare und wirkt viel älter, als sie ist. Sie versucht uns zu erziehen, aber das klappt nicht. Sagt sie. Sie kocht gutes Essen und ihr Sohn hat drei Konsolen.“

Jetzt kam endlich ein Gedicht!

Meine Mama hat nen Bauch, der schwabbelt hin und her, doch das mag ich sehr! Sie kocht sehr gutes Essen, was wir alle fressen. Abends geht sie mit Papa ins Bett, brüllt er laut, findet sie es nett!

Mein Sohn grinste.

„Du bist auch gleich dran!“

Hatte ich noch einen letztes Wunsch frei, bevor man mich zum Schafott führte?

„Meine Mutter ist sehr schön, hat lange, braune Haare und blau-grüne Augen. Am liebsten schreibt sie und kriegt einen Kaffee von mir! Sie hat zwei Kinder und eins nervt richtig! Das ist nicht ihr Sohn! Sie liebt ihre Kinder über alles, aber der Alltag macht sie echt fertig! Sie macht immer alles alleine! Sie kann sehr laut rülpsen!“

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Vor mir dampft es. Mein Sohn kocht verdammt guten Kaffee!

Allen Floristen einen wunderschönen Muttertag!