Ich werde nicht älter…..

….das Licht wird nur schlechter.

Ich weiß gar nicht genau, wann das angefangen hat. Wann ich das erste Mal über das Älterwerden nachgedacht habe. Ist noch gar nicht so lange her. Ich glaube, es war auf einer dieser Ü-30 Partys, bei denen man ab 30 keinen Eintritt mehr bezahlen muss. Hat ja irgendwie was Bedürftiges. Auf jeden Fall, hatte ich schon meinen Ausweis gezückt, weil ich jedes Mal auf diesen Partys hörte: „Süße, 30 bist du doch noch nicht. Ausweis bitte!“

Ich wollte dem Kassierer schon mein Altersdokument entgegenstrecken, da winkte er mich einfach durch. Er winkte mich einfach durch. Es war wie bei der Warenkontrolle am Fließband, ich kam nicht in die gute Kiste der Qualitätsprodukte. Ich fiel in den Sack für die 1-Euro-Märkte. Irgendwie war der Partygenuss für diesen Abend etwas getrübt.

Zwei Tage später war es dann soweit. Meine Nivea-Creme wurde durch ein „Q10-Hyaluronsäure-Mission-bügelglatt-Produkt“ ersetzt. Es wurde ab sofort nicht mehr gecremt, es wurde eingeklopft.

Gestern hatte ich dann noch einen Termin beim Hautarzt. Ich gehe ja überhaupt nicht gerne zum Arzt…..kaum zu glauben, nach den letzten beiden Geschichten. Aber wie das so ist, mit dem Älterwerden. Die Einschläge kommen schneller. Es sollte nur eine Vorsorgeuntersuchung werden. So etwas wie mich nennt man überproportional pigmentiert. Muttermale und Sommersprossen geben sich die Klinke in die Hand, um auf meinem Körper ein lustiges Rätselbild zu entwerfen. Frau Doktor kam mit Lupe. Ich hatte viele Fragen.

„Das Muttermal an meinem Hals stört mich ein wenig. Kann man das wegmachen lassen?“

Ein vergrößertes Augen schmunzelte mich an.

„Das ist kein Muttermal! Das ist ein Altersfleck!“

„WAAAAASSSSS?“

„Keine Angst, das haben auch schon ganz junge Frauen!“

Sie wollte mich nur trösten.

„Also, das sieht alles gut aus. Kann ich sonst noch was für Sie tun?“

„Was kostet es eigentlich, wenn Sie mir Hyaluronsäure spritzen?“

Sie zog die Riesenlupe erneut an ihr Auge. Sie kam näher. Sie machte hmm, hmm, hmmm…und pffffff…….und ja, ja. Sag jetzt schnell was, Frau Doktor, sonst buche ich ein komplettes Facelifting und lass mir die Haut hinter die Ohren ziehen.

„Also Sie haben ja noch ein sehr junges Hautbild für Ihr Alter! Wir sprechen hier von einer beginnenden Faltenbildung. Jetzt ist genau der richtige Zeitpunkt, mit der Behandlung anzufangen. Haben sich erst Faltennarben gebildet, wird es schwer, ein junges Aussehen wieder herzustellen.“

„Wieviel?“

„Also für die Nasolabialfalten und die Glabellafalten brauche ich zirka zwei Ampullen. Da liegen wir ungefähr bei 600 Euro! Nach der dritten Anwendung kommen die Falten nicht mehr wieder!“

Das würde also bedeuten, ich sehe mit 80 noch aus wie Mitte 30, zumindest solange ich angezogen war und nur mein Gesicht aus der Kleidung guckte.

Ich verließ die Praxis mit einem Prospekt und einem neuen Termin. Ich nannte es Projekt „Jungbrunnen“!

Als ich mittags meinen 9-jährigen Sohn von der Schule abholte, fiel er in meine Arme und sagte:

„Mami, du bist ja echt noch ein heißer Feger! Du siehst aus wie 18!“

Fast hatte ich vergessen, wie unwichtig als Kind die Zeit, das Alter war.

Zuhause stellte ich mich vor den Spiegel. Ich schaute mich an. Du hast viel erlebt, das sieht man. Hinter der Erfahrung, das junge, naive Mädchen, erkennt man. Ich lächelte mich an! „Du siehst so jung aus, Sunny!“

…….gut, ich hatte vergessen, das Licht anzumachen, aber wer wird denn so kleinlich sein?

© Sunny Möller

Wer ist HEIDEMANN?????

Ich gehe ja überhaupt nicht gerne zum Arzt.

Ich glaube, ich erwähnte das schon an anderer Stelle. In den vielfältigen Arten ihrer Profession von Orthopäden, Internisten, Kardiologen, Neurologen, Gynäkologen, Allergologen und Unausprechlichenlogen , gibt es noch eine sehr fremdartige Spezies. Die Zahnärzte! Sie sind so etwas wie die Migranten der Ärzteschaft. Sie studieren auch nicht mit den Allgemeinmedizinern, sie studieren abseits, in gesonderten Gebäuden.

Ich frage mich immer wieder, wie kommt man darauf, Zahnarzt zu werden? Stellt man sich irgendwann nach dem Abitur die Frage: „Würde es mir wohl Spaß machen, bei andern Leuten im Mund rumzuprokeln?“

Oder hat es, wie immer, irgendetwas mit Macht zu tun?

Nach dem gestrigen Besuch beim Dentist meines Vertrauens, tippe ich auf Letzteres!

Schon beim Betreten der Praxisräume, suchte ich nach dem Schild `Notausgang´. Die Zahnarzt-Sadomaso-Helferin begrüßte mich freundlich.

„Schön, dass Sie da sind Frau Möller! Wir legen gleich los! Gehen Sie doch bitte kurz ins Wartezimmer. Der Herr Doktor holt sie dann ab!“

….und dann darf ich mir noch mein Lieblingsessen wünschen, anschließend kommt der Priester und fragt mich, ob ich irgendetwas in meinem Leben bereut habe. Wir werden beten und dann werde ich zum Stuhl gebracht, festgeschnallt und die Spritzen vorbereitet….ist Obama eigentlich gegen die Todesstrafe?

 

Ich schüttelte kurz den Kopf. Mach dir keine Sorgen! Entspann dich, das wird halb so wild. Ich hörte dieses kreischend, schleifende Bohrergeräusch aus einem der Behandlungsräume. Ein Schauer lief mir über den Rücken. Nur das Geräusch verursachte schon Schmerzen. Ich fragte mich, warum man eigentlich niemals Schreie aus diesen Behandlungsräumen hörte? Waren das vielleicht immer Probebohrungen an irgendwelchen Gummipuppen, um den kommenden Patienten zu paralysieren?

„Frau Möller!!! Sie sind dran!! Der Herr Doktor wartet schon!“

Zwei Minuten später saß ich in diesem Vollstreckerstuhl, hatte einen Blutlatz um und Wasser plätscherte in den „Spülen-sie-mal-bitte-Becher“. Der Herr Doktor rückte an…

„Frau Möller! Toll! Wir kommen ja jetzt langsam in die Endphase!“

Todesstrafe……..wenn ich jetzt seitlich raus trete, knallt er mit dem Kopf gegen den Instrumentenwagen. Mit etwas Glück springt der Bohrer von selbst an und zerschnippelt ihm das Gesicht, während er mit beiden Augen in die aufgezogenen Spritzen fällt. Währendessen habe ich genug Zeit, der Assistentin ihren Sauger in die Hose zu stecken um endlich mal für menschliche Gefühle bei ihr zu sorgen….

 „Können wir anfangen?“

„Sicher!“

„Sie brauchen sich gar keine Sorgen zu machen. Wir nehmen heute nur die Provisorien ab und testen die Gerüste für die Kronen. Anschließend passt der Techniker noch die Farbe an! Das wird nicht wehtun!“

Bei der Farbanpassung sollte er Recht behalten….

„Fräulein Tanja, den Heidemann bitte!“

Was ist das? Wer ist der Heidemann? Es gab einen Typen in unserem Dorf, der hieß auch Heidemann. Zwei Meter groß, rothaarig. Er vergewaltigte mehrere Ziegen und Hühner und kam dann in die Geschlossene…wer war H E I D E M A N N?????

Dr. Böse bekam von Schwester Sauger einen kleinen Spatel in die Hand. Das kann ja nicht weht……..

AAAAAAAAAAAAHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHH!!!!! Mein ganzer Körper stand plötzlich unter Spannung, meine Hände krallten sich ineinander. Nervenschmerzen schossen durch den ganzen Körper. Mir entfuhr ein lautes: „Auuuuaaaaa, verdammt, auuaaa, das tut echt weh, Mann!!!!“

….du blödes Arschloch! Wahrscheinlich kriegst du im Bett keinen hoch und lässt deinen Frust hier legal an Frauen und potenten Männern aus! Das Längste an dir ist dein verdammter Heidemann, du elender Wicht!!!!!!!

Er guckte wenig mitleidig.

„Wir können eine kleine Anästhesie machen, aber die Nerven sind trotzdem nicht ganz tot. Da müssen wir jetzt durch!“

Wen meinte er mit „WIR“?

Zwei Stunden später waren sie mit mir fertig. Ich fühlte mich wie nach einem Verhör mit Foltereinsatz. Meine rechte Gesichtshälfte hing herunter wie bei einem Schlaganfallpatienten und ich hatte meine heraus rinnende Spucke nicht mehr unter Kontrolle. Dr. Böse verabschiedete sich mit einem „Ich-habe-einen-Tennispullover-über-die-Schultern-geschwungen-Lächeln“.

„WIR sehen uns nächste Woche! Dann sind WIR auch endlich fertig, liebe Frau Möller!“

Ich habe immer eine kleine Schere dabei. Kann man immer mal gebrauchen. Unter dem Bohrer baumelte ein durchgeschnittener Schlauch. WIR hatten ihn durchgeschnitten und WIR fanden das überhaupt nicht schlimm!

© Sunny Moeller

Große Worte, kleine Hände…..

Leeres Blatt, leerer Kopf, keine Idee, jeder Funke ein Leben entfernt, nichts was mich berührt, entführt, in eine Welt jenseits vom Diesseits. Schließe die Augen, denke an große Themen, die mich bewegen und doch nicht bewegen zu schreiben, zu denken, ein Gedanke reicht aus, zu vermitteln, die großen Gefühle, die Welt zu verrücken, ein kleines Stück. Ein wenig zu rütteln, aufzuwecken aus einer Starre, die wir hassen. Auf der Suche nach Worten, die beschreiben, was wir denken, einen Mitwisser finden, ein Versteher im Dunkeln. Immer tiefer grabe ich in mir, leere Gänge, die Zimmer sind leer. Unbemerkt verschwunden, verabschieden fiel wohl zu schwer. Ein kleines Mädchen greift meine Hand.

„Raus Mamaßen, komm doch!“

Wir gehen durch die Stadt. Der Sommer ist schon weit weg, der Wind nasskalt, kriecht unter die Haut. Meine Tochter sieht nur die Pfützen, schlechtes Wetter ist ihr fremd.  Sie bleibt stehen, immer, wenn Musik zu ihr dringt. Lächelt mich an, zeigt auf einen Mann.

Er ist alt, seine Kleidung dünn und verschlissen. Auf dem Schoß hält er eine Gitarre, voll mit Aufklebern, so dass sich das Holz darunter nur erahnen lässt. Unbemerkt rückt Emma-Lilu Stück für Stück an ihn heran.  Er beginnt zu spielen. „Tears in Heaven“, seine Stimme klingt voll und trotzdem weit weg, traurig, als ob er das Lied erlebt hat.

Ein Geldstück fällt in seinen Hut. Kleine Hände klatschen. „Bravooo, bravvoo, daafst abba nich traurig sein Mann, so ßön hast du gespielt, dass Pinßessin Lulu fröhlich ist Mann, dankeßööön!

Alte Augen treffen die jungen, Augen fangen an zu lächeln. „Wie schön hast du meinen Tag gemacht, kleine Prinzessin Lulu!“

Ein Handkuss fliegt, wir gehen weiter. Manche Tage brauchen keine große Geschichten, nur Pfützen und kleine, klatschende Hände…..

© Sunny Moeller

Dieser kurze Moment….

Es gibt diesen kurzen Moment, zwischen Aufwachen und wach werden. Diese wenigen Minuten, die nur dir gehören, der Kopf leer gefegt, vielleicht noch ein letzter Rest vom nächtlichen Traum, der gleich vergessen sein wird. Die letzte warme Stille. Die kurze Versuchung, die Decke höher zu ziehen, sich zu verstecken, den Wecker zu überhören. Denn langsam gehen die Türen auf und du hast zu wenig Hände, sie wieder zu schließen. Du versuchst es, stemmst dich gegen die größte. Es flüstert eindringlich durch jeden Spalt: Pflichten, Pflichten, Pflichten….. Die Kraft lässt nach, die Tür knallt gegen deinen Kopf, du schüttelst dich, denkst, warum sind es immer so viele? Du atmest tief, folgst den Pflichten ergeben. Plötzlich spürst du Wärme, Licht in den Augenwinkeln, drehst dich um, die Sorglosigkeit lächelt dich an. Berührt dein Gesicht, legt etwas in deine Hand. Du willst mit ihr gehen, doch sie ist zu schnell und die Pflichten kommen zurück. Laut hörst du das Ticken. Diesmal bist du zu spät. Aber in deiner Hand ist ein Schlüssel und du weißt, wo er passt.

© Sunny Moeller

Ausdrucksschwäche?

Manchmal fangen Geschichten mit einer Mandelentzündung an. Ich konnte nicht sprechen, nichts sagen, nichts fragen, nichts bejahen oder verneinen, nichts vormachen oder vortäuschen, nicht lügen, war einfach nur mit mir, in mir. Und hörte die Welt da draußen, von einer anderen, stillen Seite. Wie würde es wohl sein, nie wieder eine Sache zu können, die mir so selbstverständlich in die Wiege gelegt worden war? Fehlten meine Beine, würde ich aufhören zu laufen? Wenn ich blind würde, könnte ich nicht mehr sehen? Ohne zu hören, keine Musik mehr? Könnte ich Frieden damit schließen? Würde ich verhindern, dass man mich behindert?

Mein Sohn und ich erfinden Geschichten. Eine heißt „Stein verliebt sich“. Kieselda und Backus lernten sich in einer, für Steine typischen Szenerie kennen, einem Steinbruch. Familie Kiesel und Familie Backstein waren schon lange Zeit zerstritten. Warum, wussten sie eigentlich nicht. Sie waren nie in der Lage, sich ihre Gefühle und Gedanken mitzuteilen. Sie waren eben anders, nicht vom gleichen Stein. Und doch verliebten sich das Kieselmädchen und der rote Backsteinjunge. Wie sie es erkannten? Die Farbe der Liebe ist rot, da war es für den Jungen einfach. Das Mädchen wartete bis zum Sommer, auf die herab fallenden Kirschen, um sich zu offenbaren. Und sie fanden ihre Sprache, in den Dingen, die sie umgaben. Der Regen brachte die Traurigkeit, die Sonne die Freude. Nah am Feuer brannte die Leidenschaft, der Schnee das Abkühlen der Beziehung. Wut zeigte sich im vorbei fahrenden Müllwagen, Angst hatten sie im Schatten großer Blätter. Ihre Liebe war lebendig, nie annähernd `kalt wie Stein´!

Ich bin wieder gesund, meine Stimme hat wieder eine Stimme. Aber selbst wenn nicht, ich würde einen Weg finden, mich auszudrücken. Und seht ihr irgendwo einen Stein am Straßenrand, bitte nicht dagegen treten. Er könnte verliebt sein.

 

© Sunny Moeller

Kussecht

Küssen, knutschen, busseln, herzen, schmecken, diese Woche beschäftigt mich stark die Küsserei. Gibt es gute und schlechte Küsser? Kann ein schlechter ein guter Küsser werden, beim richtigen Kusspartner? Weiß man es, wenn man ihn sieht? Spricht der Mund eine Kussvorschau aus? Küssen volle Lippen besser als schmale, ist der Druck entscheidend, oder die Kopfneigung? Was ist mit der Größe der Nase? Kann sie stören, wenn die Küsse leidenschaftlicher werden? Passt jeder Mund zu jedem anderen, oder gibt es auch da die Topf-Deckel-Theorie? Macht die Übung den Meister? Hält man dabei den Kopf, die Taille, streicht man durch die Haare, sofern welche da sind? Ist ein guter Küsser, ein guter Partner im Bett?

Viele Küsse in vielen Jahren und den ersten vergisst man nicht. Sunny ist 14, Ben 13. Sunny 1,76, Ben nicht. Erster Kuss, ganz schüchtern, mit Sunnys Gekicher. Weiche Lippen, zaghaft. Nach dem dritten Treffen sagt Ben: “Komm Sunny, wir küssen jetzt mit Zunge!“ Sunny: “Bist du bescheuert, ich will doch nicht deine Spucke in meinem Mund haben!“ Dann macht Sunny Schluss! Es wurde besser, mit der Zeit…..

 

© Sunny Moeller